Mehr als ein Randphänomen

Rechtes Gedankengut dringt zunehmend in die „Mitte der Gesellschaft“ vor. Dies belegt eine aktuelle Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, bei der rund 2500 Personen in Deutschland zu verschiedenen politischen Standpunkten befragt wurden. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse:

Verharmlosung des Nationalsozialismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus – rechte Einstellungen sind mehr als ein Randproblem. Entgegen der weit verbreiteten Meinung findet man sie nicht nur in den entsprechenden Bewegungen oder Parteien. Vieler Ort ist rechtes Gedankengut im Alltag verankert.  Seit 2006 veröffentlicht die Friedrich-Ebert-Stiftung im Zweijahresrhythmus eine Studie, welche diese Tatsache dokumentiert.

Rechtes Weltbild

Bezogen auf ganz Deutschland ist der Anteil der Personen mit einem geschlossenen rechten Weltbild von 8,2% leicht auf 9,0% gestiegen. Ein massiver Anstieg ist  in den letzten Jahren in Ostdeutschland zu verzeichnen: Gegenüber 10,5 % aus dem Jahr 2010 stehen mittlerweile 15,8 % rechtes Denken. Weiterhin findet mittlerweile jeder Zehnte, dass der Nationalsozialismus auch seine guten Seiten hatte.

Ausländerfeindlichkeit

Besonders nachdenklich stimmen die Ergebnisse der Studie zu Ausländerfeindlichkeit in der Gesellschaft. Während in den „alten“ Bundesländern jeder fünfte Bürger eine ausländerfeindliche Einstellung hat, denken in Ostdeutschland fast 39 % manifest ausländerfeindlich. Der Aussage, dass Ausländer nur hierher kommen, um den Sozialstaat auszunutzen, stimmen 36% überwiegend oder voll zu. Differenzieren lässt sich hierbei auch anhand des Bildungsfaktors. Während 10,4% der Befragten mit Abitur eine ausländerfeindliche Einstellung haben, sind es 28,1% der ohne allgemeine Hochschulreife.

Chauvinismus

Hohe Zustimmungswerte finden sich auch in der Dimension „Chauvinismus“: Jeder fünfte Bundesbürger ist der Auffassung, dass Deutschland anderen Völkern überlegen ist. Deutlich wird dies beispielsweise an der Aussage „Das oberste Ziel deutscher Politik sollte es sein, Deutschland die Macht und Geltung zu verschaffen, die ihm zusteht“, der 27,4% zustimmen.

 Antisemitismus

Antisemitismus zeigt sich durch Meinungen und Handlungen, die durch Feindschaft, Ablehnung und Diskriminierung gegenüber dem Judentum oder jüdischen Menschen gekennzeichnet sind.

Nur etwa die Hälfte der Bevölkerung lehnt die Aussage ab, dass Juden einen zu großen Einfluss auf die öffentliche Meinung in Deutschland haben. Antisemitismus ist nach wie vor besonders in der Gruppe der über 65-jährigen vertreten. Während dort 19% eine antisemitische Einstellung besitzen, sind es in allen anderen Kohorten 7-11%.

 Islamfeindschaft

„Muslime und ihre Religion sind so verschieden von uns, dass es blauäugig wäre, einen gleichen Zugang zu allen gesellschaftlichen Positionen zu fordern“ – weit über die Hälfte stimmen dieser Aussage überwiegend oder voll zu, nur jeder Fünfzehnte lehnt sie völlig ab.

Erschreckende Zahlen, welche deutlich machen, dass Vorurteile weiterhin das Bild gegenüber anderen prägen und rechtes Gedankengut nicht nur auf NPD-Parteitagen oder Neonazi-Trauermärschen vorhanden ist.

Oliver Decker, Johannes Kiess, Elmar Brähler et al.
Die Mitte im Umbruch. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2012
Herausgegeben für die Friedrich-Ebert-Stiftung von Ralf Melzer
Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2012
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