„moral bombing“ in Chemnitz

Während dem englischen Bombenangriff auf Chemnitz am 5.März 1945 starben ca. 3600 Menschen. Der Tod dieser Menschen, die teilweise auf erbärmliche Weise ums Leben gekommen sind, erregt bis heute die Gemüter in der Stadt. Dabei macht die große Emotionalität des Themas den Umgang damit nicht leichter.

Schon ein flüchtiger Blick in das Regionalregal einer Chemnitzer Buchhandlung zeigt, wie das Gedenken an die Bombardierung der Stadt am 5.3.1945 mit Gefühlen aufgeladen wird. Die Kriegszerstörungen und der Neuaufbau der Innenstadt vor und nach 1989 bilden ein zentrales historisches Thema und fast 70 Jahre nach der Bombardierung spielt der 5.3. auch für unterschiedliche politische Akteure eine große Rolle. Ein Punkt der Debatten in der Stadtöffentlichkeit ist dabei die Auseinandersetzung mit dem „Gedenkmarsch“ der Nazis. Ihre Demo, die von ihnen unter dem Gruppenname „IG Chemnitzer Stadtgeschichte“ mit dem Motto „Gedenken  verpflichtet“ durchgeführt wird, konzentriert sich fast ausschließlich auf die  emotionale Komponente des Themas.

Bei der IG CHEMNITZER STADTGESCHICHTE handelt es sich um eine Gruppe, die in der Vergangenheit mehrere neonazistische Vorträge organisiert hat und sich in den Jahren 2011 und 2012 für den Aufruf zur „Trauermarsch am 5. März“ verantwortlich zeichnete. Sie entstammt den völkischen Kreisen (wachsam-in-chemnitz.de).

Dabei ist die Thematik  „Bombenangriff auf Chemnitz“ um einiges komplexer als es die „IG Chemnitzer Stadtgeschichte“ darstellt: Es gibt drei Ebenen auf denen man die Luftangriffe betrachten kann: 1.die militärische Ebene, 2.  deren Erfolg und 3. die Folgen für die  Zivilisten. Zur militärischen Ebene gehört beispiels- weise die als „moral bombing“  bezeichnete Taktik, die auch in Chemnitz Anwendung fand. Die Grundlage dafür bildet die „Area Bombing  Directive“ an Sir Arthur Harris, den Oberkommandanten der britischen Luftwaffe. Darin wird „moral bombing“ als der Versuch definiert, der Naziherrschaft durch die massive Zerstörung von Städten den moralischen Rückhalt zu entziehen. So waren alle NSDAP-Parteiorgane vom schieren Ausmaß der Bombardierungen überfordert; was nachhaltig die  Verwurzelung der NSDAP in der Bevölkerung beschädigt hat1. Die „Strategic Bombing Survey“ der US-amerikanischen Luftwaffe kommt zum gleichen Ergebnis; außerdem ist im Bericht von einer „signifikant großen Rolle“ der Luftangriffe auf die Reduktion der deutschen Militärproduktion die Rede2.

Für die Chemnitzer Bevölkerung bedeuteten die insgesamt zehn Bombenangriffe im Zeitraum vom 6. Februar bis zum 11. April 1945 eine fast vollständige Zerstörung der Innenstadt und den Tod von ca. 3600 – 4000 Menschen³. Der 5. März 1945 bedeutete für große Teile der Chemnitzer Bevölkerung den eigenen Tod oder von Verwandten oder den Verlust der Wohnung. Etwa 2100 Menschen kamen in dieser Nacht ums Leben. Das sind die Chemnitzer, deren Geschichten man in den Gedenkreden findet. Für den anderen Teil der Chemnitzer Bevölkerung, nämlich der, der seine Tage im Chemnitzer Außenlager des KZ Flossenbürg oder im Chemnitzer Zwangsarbeiterlager verbringen musste, findet in den offiziellen Reden kein Gedenken statt.

Es ist außerdem auffällig, dass sich das offizielle Gedenken insgesamt oft stark auf die Folgen für die Zivilbevölkerung konzentriert, während die anderen Ebenen der Thematik kaum eine Rolle spielen. So entsteht ein Bild, das einen Teil der Chemnitzer Bevölkerung  und dessen Leiden in den Vordergrund stellt. Es wäre Zeit für ein kritischeres Bild, das sich löst von der eindimensionalen Emotionalität der Zeitzeugengeneration,  und in dem auf die große Komplexität der Thematik Rücksicht genommen wird.

1 http://www.historicum.net/de/themen/bombenkrieg/themen-beitraege/aspekte/art/Menschenfuehru/html/ca/f6fb41299292f8a1fca0b0315ee18773/?tx_mediadb_pi1%5BmaxItems%5D=5, besucht am 8.1.2013
2 http://www.anesi.com/ussbs02.htm#tgsp, besucht am 22.12.2012, „There were so many forces making for the collapse of production du- ring this period, however, that it is not possible separately to as- sess the effect of these later area raids on war production. There is no doubt, however, that they were significant.“
³ In einer früheren Version des Artikel hieß es: „Für die Chemnitzer Bevölkerung bedeutete der Bombenangriff eine fast vollständige Zerstörung der Innenstadt und den Tod von ca. 3600 bis 4000 Menschen.“ Da diese Zahl bezogen auf die Nacht vom 5. zum 6. März 1945 nicht der Realität entspricht, wurde die entsprechende Textstelle durch die Redaktion geändert.
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